Warum der Wohlstand uns handlungsunfähig macht

Es ist ein gewagter Titel, darüber bin ich mir bewusst. Warum habe ich einen solchen Titel gewählt? Genau weil ich anecken möchte. Es ist ein bewusst melodramatischer und provokant gewählter Titel, weil ich vor habe den Text ähnlich zu gestalten. Hintergrund ist eine gewisse Form des Unverständnisses meinerseits. Im Laufe der letzten Jahre habe ich immer wieder Diskussionen geführt und reflecktierend auf mich und meine Umwelt eingewirkt. Nahezu keine Woche (wenn nicht sogar Tag) verging ohne das ich glaubte einen Erkenntnisgewinn erlangt oder einen neuen Impuls erhalten zu haben.

So unterschiedlich die Themen, Beweg- und Hintergründe auch waren, so zentralisierter war für mich die Quintessenz. Ich rede im übergeordneten Sinne vom „Tun“. Lächerlich eigentlich. Wir alle tun etwas und niemand wird wohl jetzt aufspringen und sich denken „Man der Typ hat recht!“. Tun scheint uns auf mannigfaltige Art und Weise zu beschäftigen. Mal geht es darum mehr zu tun, mal darum weniger zu tun. Oft jedoch wollen wir das richtige tun und sind dann schon ohne es zu wissen in einen wunderbaren Kreislauf geraten.

Immer wieder reden und planen und reflektieren wir über unser tun. Was als nächstes ansteht, was vergessen wurde, was besser hätte sein können, was nicht sein sollte und wie beim nächsten Mal das Schnitzel gewürzt wird.

Gut, das Schnitzel lasse ich mal weg – es hat sein soll als auflockere erledigt. In den vergangenen Jahren habe ich für mich viele Dinge und Situationen erlebt und wahrgenommen die für mich unglaublich wertvoll wahren. Nicht weil sie mir etwas gegeben hätten, was niemand sonst bekommt. Auch nicht, weil sie mir zu unfassbaren finanziellem Reichtum oder einer beruflich nahezu unerreichbaren Position verholfen haben. Vielmehr konnte ich Einblick und Erkenntnisse sammeln, bei denen ich den Eindruck gewann, dass Sie nur wenige teilen oder gar ähnlich sehen.

Immer wieder begegne ich tollen Menschen. Menschen die wunderbare Eigenschaften besitzen. Beneidenswerte Talente, interessante Ansichten oder einfach nur ein unterhaltsames Wesen. Dabei durchstreife ich die unterschiedlichsten sozialen und beruflichen Schichten (die nebenbei bemerkt ein uriges Konstrukt sind) und mache keine Unterschiede zwischen Geschäftsführern, Aushilfen, Auszubildenden oder Schulgängern.

Offen und neugierig glaube ich meinem Gegenüber zu begegnen und bin nicht in der Lage andere Empfindungen zu hegen als diejenigen die sich über Null bewegen. Das bedeutet nicht ins negative gehen. Ich fühle mich sozusagen wie die emotionale Schweiz. Alles und jeder der mir begnet ist grundsätzlich mit einer oder mehrerer der oben genannten Eigenschaften ausgestattet (und natürlich etlicher weiterer). Was mich irritiert ist, dass bei all dem tun offenbar für die meisten nichts nachhaltiges entsteht. Weder emotional, noch sachlich. Selbst wenn das neuste Spielzeug gekauft wurde – es hat keinen wirklichen Wert mehr. Man baut sich ein Haus, rackert sich ab um das Gefühl zu haben noch zu leben und sich diesen Umstand bewusst zu machen. Es werden Karrieren und Veränderungen angestrebt die viele Mitmenschen tangieren sich gegenseitig (was ich leider in nahezu jedem Fall als unhöflich empfinde) und offenbar entsteht doch keine nachhaltige Zufriedenheit.

Diesen Sachverhalt könnt man noch ewig weiter ausbauen. Die Quintessenz ist in etwa da zu finden, das unglaublich viele Menschen auf der Suche nach etwas zu sein scheinen und ich gebe die Hoffnung nicht auf,  dass nahezu jeder von diesen Menschen alles notwendige hat um diese „Ziele“ zu erreichen. Dennoch füllen sich Regale um Regale mit Lebensratgebern, Pseudokrankheiten sind kaum noch von reellen zu unterscheiden, (weil sie dazu geworden sind) und vielmehr erkenne ich eine Tendenz dazu eigene Unzulänglichkeiten und ein „Versagen“ oder „nicht können“ als Option zu erkennen.

Damit soll nicht der Supermensch propagiert werden, oder gar jeder zu alles gebracht werden. Es geht um eine innere Haltung die mehr und mehr dazu führen wird, dass Nachhaltigkeit und Ergebnisse in den Hintergrund rücken und der Mensch als solches immer mehr zu einer Wertfreien Zone verkommt. In dieser Zone ist es in Ordnung weder Leistung noch Ambition zu haben oder zu entwickeln. In dieser Zone ist es auch in Ordnung das eigene Schicksal auf dem Rücken anderer aufzubauen und zu stützen.

Gewagte Aussagen? Stimmt! In den vergangen Jahren habe ich Bildungseinrichtungen Kennengelernt und selbst doziert. Ich habe als Berater Firmen, Abteilungen und Menschen kennen gelernt die konstruktiv versuchen auf Ihre Art erfolgreich zu sein und zu schaffen. Dabei ist nicht allein der Firmenchef eines großen Imperiums gemeint, sondern auch der Freiberufler der sein Leben und die darin enthaltene Arbeit selbst gestalten möchte.

Meine Theorie zu diese bereits Jahre andauernden Entwicklung ist eine recht simple: Unser Wohlstand macht uns handlungsunfähig!

Wohlstand obwohl überall von schlechten Arbeitsbedingungen, leeren Kassen oder einem Minus auf dem Kontostand die Rede ist? Jawohl. Auf jeder Etage finden wir heutzutage einen unglaublichen Wohlstand. Der Staat hat so viele Kosmetische Themen zu besprechen, das wir wahrhaftig nicht anfangen zu lachen, wenn jemand beispielsweise „bedingungsloses Grundeinkommen“ in die Runde wirft. Wir befinden uns hier an einem Grad der Freiheit und des Wohlstandes, der diese Überlegungen zulässt. Jugendliche werden fein säuberlich und durch mehrere Hände wohlwollend über Jahre hinweg auf den Arbeitsalltag vorbereitet. Sogar Gelder sind dafür vorhanden und  Bildungszentren richten Kompetenzchecks und Vorbereitungstage ein. Selbst zur Zeit meiner Ausbildung (welche grade mal 10 -14 Jahre her ist) undenkbar so geführt zu werden. Berater stehen an der Strassenecke bereit um die Unsicherheit und Ängste wohlwollend abzufangen und Sorglosigkeit zu verbreiten. Im Zweifelsfall war das anvisierte Ziel nichts für einen und man probiert weiter. Eine gängige Praxis in vielen pädagogischen Einrichtungen wie mir scheint. Individualität wird großgeschrieben und damit genau nichts erreicht, wenn versucht wird genau jeden so individuell zu erreichen ohne einen Maßstab anzusetzen. Der Irrglaube, dass jeder Mensch von Natur aus ein unglaublich überschwängliches und gradezu philosophisches Maß an Individualität an den Tag legt lässt uns auf eine Meta-Ebene gleiten die nur noch die Verfechter greifen können. Auch nach der Ausbildung ergeht es dem Protagonisten nicht anders. Entscheidet man sich für ein Studium, so werden vergleiche einer erweiterten Schule laut. Stundenpläne und Elterntage sind an Unis eingezogen. Selbstständigkeit lernt man später. Da das lernen zu lernen schon im Vorfeld verpasst wurde (vermutlich aufgrund individueller Eigenschaften) muss hier durch dritte, vierte und fünfte Hand nachgebessert werden. Entscheidet man sich für die Arbeit, so bringt man an eigenen Ansprüchen schon genug für ein Konzept einer weiteren Bildungseinrichtung mit sich. Abgeholt, verstanden, wahrgenommen, für die nächsten zehn Jahre abgesichert mit einem integrierten Bürgen will sich der frisch ausgelernte in ein Unternehmen integriert wissen, bevor er überhaupt die heißbegehrte Wahre des „sich bezahlt machens“ offenbart. Führungskräfte bemängeln schon seit Jahren den Mangel an Initiative und Selbstständigkeit oder – noch weitergehend – des sich profilieren wollen. Verantwortung für sich und das eigene Handeln oder deren Konsequenzen übernimmt schon jemand.

Die Ironie im oberen Absatz ist sicherlich (so hoffe ich) nicht zu übersehen. Dennoch sind es Bruchstücke an gemachten Erfahrungen und Erkenntnisse aus unzähligen Gesprächen mit Menschen aus unterschiedlichsten Stellen mit unterschiedlichsten Funktionen.

Da wir uns massiv in eine Situation gebracht haben, in der wir wohlständig genug sind um all diese Konzepte auszuprobieren und nichts überlebenswichtiges mehr „müssen“, tragen wir langsam die Früchte dieser Arbeit mit uns herum. Noch steuern „die alten“ die Unternehmensentwicklungen. Damit sind auch jüngere gemeint, welche noch „alte“ Werte wie „Ursache und Wirkung“ kennen gelert haben. Eine aussterbende Rassen.

Wir sind an einem so wohlständigen Punkt, dass wir uns darüber unterhalten müssen, ob ein Arbeite und Erwerbsloser überhaupt für sein Leben aufkommen muss. Kinder bekommen ist mittlerweile eine Abwägung diverser Variablen (zumindest die dazu befähigten praktizieren das offenbar so). Nahezu alle mir im Alltag begegnenden Bereiche des Lebens scheinen außerordentlich unnatürlich geworden zu sein. Die schöngeredeten Hintergedanken bei all den Entscheidungen sind sicherlich vielversprechend, bevorzugen allerdings nur die „befähigten“ unter uns. Das sind diejenigen die es drauf haben, die gebotenen Mittel zu erkennen und in Ihre Lebensführung einzubauen. Das wiederum schaffen allerdings gefühlt nicht mal die Hälfte aller Berater an den Wegstrecken.

Insgesamt möchte ich nicht als Untergangspolemiker verstanden werden. Dennoch sehe ich einen großen Kollaps und eine weitere Aufteilung in unterschiedliche Klassen der Gesellschaft die mehr und zu einer klar einsetzbaren und kalkulierbaren Größe wird.

Diese Zeilen schreibe ich als Vater, Selbstständiger, Angestellter, ehemals Arbeitsloser, Lebensgenießer und Partner in einer zwischenmenschlichen Beziehung. Wünschenswert fände ich das entwickeln einer allgemeinen Zufriedenheit, denn die sollte meiner Ansicht nach vorhanden sein, bei all der Sorglosigkeit durch die wir uns bewegen könnten. Es gibt so ausserordentlich viele Optionen und Entfaltungsmöglichkeiten die offenbar nur von wenigen erkannt  oder genutzt werden. Ein „geht nicht“, „das kann ich nicht“ ist doch wahrlich nicht zeitgemäß sondern schlichte Unwissenheit oder Ignoranz.

Jobsuche per Script – laut aufgewachter

Ich habe es über Twitter zufällig gefunden und war irgendwie beeindruckt. Das Blog aufgewachter.wordpress.com schrieb, dass ein Arbeitsloser sich ein Script gebaut hat und einmal im Monat die Server der Agentur für Arbeit nach geeigneten Stellen durchsucht.

Allein der Titel:
… 750.000 Bewerbungen in 20 Stunden per E-Mail … / Bewerbungsnachweis für das Jobcenter aus 15.000 DIN-A4 Seiten
Großartig! Ich würde den Mann vermutlich nur alleine deswegen einstellen. [-:

Quelle