Demutfasten – Zufriedenheit durch Entsagung

Konsum und Wohlstand sind führende Begriffe. Sowohl in der Politik, als auch in den Zielsetzungen der unterschiedlichsten Gesellschaften. „Es muss ja“ ist die ultimative Antwort auf die Frage „wie geht es dir!“. Man könnte glauben, dass noch ein weiter Weg vor uns liegt bis wir endlich an einem Punkt angelangt sind, an dem man auch nur halbwegs entspannt leben und vor sich hin existieren kann.

„Das Leben ist kein Zuckerschlecken!“ sind die begleitenden Weisheiten derer, die es vermeintlich besser wissen oder wissen sollten. In diversen Lebenssituationen werden wir von „erfahrenen“ Menschen darauf hingewiesen, dass „das Leben kein Ponyhof!“ ist und man nicht tun kann was man will.

Letzterem gebe ich uneingeschränkt recht, sofern eine höfliche und gesellschaftlich vertretbare individualdistanz eingehalten wird. Damit gemeint ist der „Sicherheitsabstand“ zu anderen Menschen und Gruppen, damit bei einer Konsequenz auch der Weg eingehalten wird, dass es den richtigen zum „ausbaden“ trifft.

Wenn man mich fragt, dann leben wir in einer ziemlich moderaten Zeit. Um Essen und trinken braucht sich wirklich kaum noch jemand sorgen machen – es sei denn er legt es darauf an oder ist für gewisse Dinge zu stolz. Möglichkeiten der Entfaltung gibt es zur genüge sofern man bereit ist diese zu ergreifen. Wir befinden uns gesellschaftlich an einem Punkt, an dem wir es uns leisten können uns von unseren Mitmenschen zu distanzieren und dennoch weiter zu leben. Auch in den umstrittensten Bereichen des Lebens wird mit Verständnis um sich geworfen, dass es nur so kracht. Kindererziehung darf so ziellos sein wie es einem beliebt, der Hund muss natürlich auch nicht kontrollierbar sein und selbstverständlich muss der Job zu mindestens 100% zu einem passen, damit man ihn eingeht.

Die verbreitete Haltung, dass man Ansprüche stellen und von ausserhalb eine entsprechende Reaktion erwarten kann findet sich in vielen Altersklassen und Lebensgebieten.

An allem sehe ich erst einmal kein Problem. Nicht einmal Reibungspunkte. Was mich allerdings stört ist die für mich fehlende Wahrnehmung. Man sollte annehmen das jeder Freudensprünge macht und morgens mit einem lächeln aufsteht. Immerhin ist für alle wichtigen Dinge des Lebens gesorgt und auch mehr als eine Anlaufstelle für eventuelle Schwierigkeiten zu finden. Dennoch finden sich Begriffe wie „Antrieb“, „Motivation“, „Zielsetzung“, oder einfacherer Dinge wie „Zufriedenheit“, „Ausgeglichenheit“ oder dergleichen fern der Umsetzung.

Geld, materialistische Dinge, Eigenheim, Luxus scheinen die erstrebenswerten Dinge der Zeit zu sein.

Lange Rede kurzer Sinn: es muss ein Mittel her, dass die Fähigkeit inne hat wieder zur Mitte zu finden. Eine Möglichkeit sich selbst wieder „einzuordnen“.

In den letzten Jahren hat mir dazu immer wieder etwas gedient, dass ich selbst „Demutfasten“ nenne. Angelehnt an die Fastenzeit nehme ich für einen definierten Zeitraum Abstand zu allem was mir nach oben gemachter Feststellung widerstrebt. Gleichzeitig versuche ich den Fokus auf die für mich wirklich erstrebenswerten Dinge zu lenken – wie beispielsweise Zeit, Lebensqualität, Wertschätzung, Erinnerungen und Gemeinsamkeit.

Um einen ominösen Charakter gleich zu Beginn auszuschließen: meistens reicht es schon sich selbst dazu zu bringen Geld lediglich für elementare Dinge auszugeben. Darunter findet sich grundlegende Lebensmittel und notwendige Kleidung. Nicht dazu gehören: feinere Speisen, elektronisches „Spielzeug“, Werkzeug auf das verzichtet werden kann, Hobbyutensilien und so weiter.

Warum das Ganze? Es führt zum einen zu einem gewissen „ausnüchterungseffekt“. Körper und Geist sträuben sich gegen dieses Vorgehen wie bei einem Entzug – erschreckend. Gleichzeitig wird einem schnell bewusst, wie viel Geld tatsächlich zur Verfügung steht und was man damit macht. Je länger man dieses Vorgehen schafft beizubehalten, umso ruhiger wird der Geist – immerhin muss er sich nun nicht mehr um so viele unnötige Impulse kümmern. Weiter wird auch die Sensibilität für den tatsächlichen Wohlstand erhöht.

Kurzum: für alle die es ausprobieren möchten ist es eine fantastische Erfahrung sich selbst, den Alltag und viele weitere Dinge spürbar zu machen. Zudem relativiert es die Brisanz vieler „Dinge“ die uns sonst immer so wichtig zu sein scheinen.

Source: Der Bode

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