Vertrauenssache

Aufgrund eines der letzten Podcasts von Holgi, greife ich das Thema “ Vertrauen“ mal für mich auf.

Das Thema ist aus meiner Sicht ein sehr verkommenes. Oft wird es von vielen als Erkenntnis oder gar Totschlagargument genutzt. Jeder hat Angst davor es zu verlieren und ist damit in keiner günstigen Position objektiv darüber nachzudenken. Die Angst hinter dem Thema verleitet viele zu für mich nicht nachvollziehbaren Handlungen. So wird es oft voran geschoben als indirekte Drohung oder als Karussell innerhalb von Beziehungen eingebaut. Im Zweifelsfall ist es ein nicht greifbares, hoch brisantes emotionales Buschfeuer.

Dabei glaube ich dass wir in den vergangenen Jahren die Thematik völlig missinterpretiert haben und weiterhin Fehldefinieren werden.
Wenn ich auf die von mir gemachten Erfahrungen zurückblicken, dann ist Vertrauen meist im Zusammenhang mit Enttäuschungen und ähnlichen emotionalen Konstrukten genannt worden. Oft immer nur zum Schluss ohne eine konkrete Vorgeschichte. Dabei spielt Vertrauen an vielen – schon kleinen – verschiedenen Stellen eine entscheidende Rolle.

  • Ich vertraue darauf dass die Kassiererin mir das korrekte Wechselgeld herausgibt.
  • Ich vertraue darauf dass der Lieferant mir die von mir bestellte Ware bringen.
  • Ich vertraue darauf das mein Chef die „richtige“ Entscheidung für das Unternehmen und damit für meinen Arbeitsplatz.

Diese Liste lässt sich vermutlich beliebig weit fortführen und noch stärker ausbauen, wenn es in den privaten Bereich geht. Das überlasse ich aus strategischer Sicht dem geneigten Leser – ansonsten habe ich die Befürchtung das es emotional ungerührt wird.
Was ich damit sagen möchte ist, das in jeder Situation in der es Vertrauen geht immer beide Parteien involviert sind. In den vergangenen Jahren beobachte ich allerdings zunehmend, dass für einen „Vertrauensmissbrauch“ immer nur eine Seite verantwortlich gemacht wird. Das hat den Effekt, das meist auch nur eine Seite sich verantwortlich fühlt und gegebenenfalls – bei entsprechender persönlicher Eignung – diese Position für sich nutzt. Bei weniger Skrupel kann ein Arbeitgeber sich die Taschen voll stopfen während die Arbeitnehmer einfach nur schimpfen, enttäuscht werden, und von Vertrauensmissbrauch sprechen ohne allerdings selbst aktiv zu werden oder im Vorfeld gar Weichen zu stellen. Im Umkehrschluss entsteht bei den Befähigten, also diejenigen welche bereit sind Vertrauen bidirektional zu betreiben, ein gewisses ‚mehr‘ an Verantwortung die sie oft nicht bereit sind zu tragen. Das übt einen immensen Druck aus und bringt denjenigen der davon betroffen ist ein eine unangenehme Situation. Diese Menschen sind in der Regel  dazu geneigt „Führungspositionen“ einzunehmen (hiermit ist nicht der Abteilungsleiter gemeint, sondern derjenige der Verantwortung übernimmt und zu führen). Oft an für  sie  passenden Positionen (nicht zu vergleichen mit dahingezüchtetem Führungspersonal). Durch das breitflächige betreiben von Unidirektionalem Vertrauen wächst allerdings sowohl der Druck in Richtung dieser Personen als auch wie Verantwortung damit umzugehen. Demgegenüber steht sinkender Motivation, steigender Unmut aufgrund der des (direkt oder indirekt) gefühlten Vertrauensmissbrauchs und Unlust sich mit der Thematik auseinander zusetzen.  Gegebenenfalls ist sogar das Vertrauen in die ausführenden Personen, bei denen ist mittlerweile eine hohe Verdrießlichkeit eingekehrt ist, erschüttert und bedarf eines Aufbaus. Dieses Gesamtkonstrukt wird fälschlicherweise als Leidensweg interpretiert und führt dazu das Vertrauen/Vertrauensmissbrauch ein so heikles Thema ist.

Die Lösung dazu wäre denkbar einfach wenn an entsprechenden Stellen (ich spreche hier ganz bewusst nicht von jedem) eine gewisse Skepsis beziehungsweise kognitive Leistung erbracht werden würde vertrauen bidirektional zu halten. Das Selbstverständnis der eigenen Position und der des Gegenübers muss aufgelöst werden. Der verantwortliche/die Führungsposition muss aufhören den Lohn als gerechtfertigt anzusehen für seine schwere Aufgabe.

Im Alltag bedeutet das folgendes:

  • Ich gestehe der Kassiererin das Recht zu sich beim Wechselgeld verzählt zu haben und zähle ggf. selbst nach.
  • Ich ziehe in Betracht das etwas dazwischen kommen kann, wenn Menschen sich um eine Aufgabe kümmern und nehme es nicht persönlich wenn meine Bestellung nicht 100% dem entspricht was ich erwartet habe.
  • Ich gestehe meinem Chef zu nicht alles überblicken zu können und nehme selbst Teil an den Geschicken der Abteilung, der Aufgabe und/oder des Unternehmens.

Das bringt jeden in eine sehr vorteilhafte Ausgangsposition: Zum einen minimiert sich der Druck alles „richtig“ zu machen. Zum anderen entspannt es die eigene Position bei der Problemlösung mit externen Faktoren.

Wenn von einem Missverständnis ausgegangen wird ist Vertrauen aussen vor. Vertrauen zu missbrauchen ist eine Bewusste Handlung. Vertrauen zu jemandem zu haben eine Erfahrung. Wenn jemand kognitiv nicht in der Lage ist etwas kontinuierlich durchzuführen, dann kann ich nicht darauf vertrauen das er es tut. Jetzt kann ich nicht von einem Vertrauensmissbrauch gesprochen werden, da ich niemals die Erfahrung gemacht habe, dass mein Gegenüber überhaupt in der Lage ist. Anders herum kann mein Gegenüber mich  auch nicht in die Situation bringen von missbrauchten Vertrauen betroffen zu sein. Ich selbst werde von diesem Standpunkt aus meine Ansprüche an das Gegenüber verändern und erfahren, wie konstruktiv und funktionstüchtig dieses Konstrukt ist.

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